„Passt das noch? Wollen wir das wirklich noch so? Wie könnte es denn anders gehen?“ – Lisa-Viktoria Niederberger im Interview zu LAHEA

Porträt Lisa-Viktoria Niederberger, davor der Text © Zoe Goldstein

Für mich war recht früh klar: Figuren in einer Welt, die in vielen Aspekten so losgelöst von “unserer” ist, sollen auch Namen haben, die das widerspiegeln. Diese neuen Namen, die Lahea und viele der Inselbewohner:innen ihrer Generation tragen, sind für mich ein klares sprachliches Zeichen dafür, dass hier vieles anders ist.  Ich mag an dem Titel auch, dass er mich an andere literarische Werke mit den Namen der Hauptfiguren erinnert – Nora, Emila Galotti, Effi Briest usw. – weil ich mich auch, was den Aufbau des Texts und was die Motive und Figuren betrifft, viel mit literarischen und filmischen Klassikern auseinandergesetzt habe. 

Es war 2022 und ich hing schon ewig in einem anderen Manuskript fest, in dem ich mich verzettelt hatte. Mir ging es nicht gut und ich wollte wieder ohne Verzweiflung und Krisen schreiben, wieder Spaß an der Sache haben. Also habe ich mir erlaubt, einfach zu tausend Prozent genau das zu schreiben, auf was ich Lust hatte und mir keine Gedanken über später zu machen, sondern den Fokus drauf zu legen, einen Ort in meinem Kopf zu finden, an dem ich gerne Zeit verbringe, den ich mir erschreiben will. Inspiration waren unter anderen: Plastikmüll im Meer, eine Doku über angeschwemmte tote Wale, das Prinzip des Open-World-Computerspiels, die Idee, eine klassische Heldenreise als Heldinnenreise umzudeuten, aber natürlich auch das, was mich bewegt und beschäftigt. Die Sorge über den weltweiten Rechtsruck und damit verbundene misogyne Gewalt, die Klimakatastrophe und von der Pandemie angefeuerte neoliberale Vereinzelung. Aus all dem entstand diese fiktive Welt und Gesellschaft, in der die Figuren sich abmühen, alles neu, alles besser zu machen, das Miteinander zu priorisieren. Wer sowas schreibt, landet natürlich auch beim Utopie-Begriff und auch bei den Herausforderungen und Schwierigkeiten, denen so auf den ersten Blick perfekte, von außen abgekoppelte Systeme – wie auch meine Insel – auf Dauer begegnen. 

Auf einer einsamen Insel, in einer nicht näher definierten Zukunft, leben Menschen, die versuchen, solidarisch und harmonisch mit sich selbst und der Natur zu bleiben. Viele Probleme der “Alten Welt” scheinen überwunden, Arbeit und Care-Arbeit sind fair verteilt, die Gesellschaft ist klassenlos, divers, mit Liebe und Sexualität wird offen umgegangen. Als Lahea die Rolle der Dorfsprecherin von ihrer Mutter übernimmt und zu einer Art Initiationsreise aufbricht, lernt sie schnell, dass diese Idylle und Einigkeit unter der Inselbevölkerung trügerisch ist, und dass es Menschen gibt, die gewaltsam versuchen, das System zu verändern.  

Ich bin ein sehr großer Fan von Erika, einer sehr pragmatischen, taffen Kriegerin, in die ich alles hineingeschrieben habe, was für mich eine gute Mentorin oder ältere Frau, zu der ich aufblicken kann, ausmacht und die in meiner Vorstellung aussieht wie Gianna Nannini, was mich besonders beim Überarbeiten sehr amüsiert hat. Sehr gerne mag ich auch Enian und Ilyas, die beiden männlichen Hauptfiguren, ihre liebevolle Beziehung zueinander, zu Lahea und ihrem gemeinsamen Kind, und den Schmäh, der zwischen ihnen läuft. Auch Orca, die Leitung der Bibliothek, mag ich sehr, sie ist eine Figur, die, obwohl das gar nicht geplant gewesen ist, immer mehr Raum gefordert hat und die mir mehr zeigt als irgendeine andere Person in diesem Roman, dass sich Figuren tatsächlich verselbstständigen können. 

Leser:innen, die Lust darauf haben, literarisch den Status Quo zu hinterfragen, sich auf Spekulatives und alternative Lebenswelten einzulassen. Die Abenteuer, Spannung, Twists und Held:innenreise mögen und weder vor Gewalt noch Zärtlichkeit zurückschrecken. 

Dass das, wie wir miteinander leben, mit den Mitmenschen und der Natur, wie wir arbeiten, wohnen, lieben und Familie definieren nicht “natürlich” ist, sondern das Resultat jahrtausendelanger gesellschaftlicher Aushandlungsprozesse, und dass es wichtig ist, sich regelmäßig zu fragen: Passt das noch? Wollen wir das wirklich noch so? Wie könnte es denn anders gehen? Und wenn wir dieses und jenes ändern würden, was für Probleme würden sich denn dann ergeben, und wie könnten wir die wiederum lösen? Ich hatte keine Agenda, keine geplante Botschaft im Kopf, als ich LAHEA konzipiert habe und ich habe keinesfalls den Anspruch an mich oder das Buch, all diese Fragen zu beantworten. Für mich ist das Buch eine Einladung an mich und alle, die es lesen wollen, sich daran zu erinnern, dass es die Fragen gibt und Kunst eine Möglichkeit des Ausprobierens ist. Was LAHEA leisten kann, ist, zu veranschaulichen, wie ein alternatives Miteinander aussehen könnte – woran es wachsen, aber auch zugrunde gehen könnte. 



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