Marianne Jungmaier wurde für ihren Band Kontinentaldrift mit dem Ilse-Schwepcke-Preis für weibliche Reiseliteratur ausgezeichnet. Die Verleihung fand am Freitag Abend im Rahmen der 78. Frankfurter Buchmesse statt. „Die Stärke des Buchs Kontinentaldrift von Marianne Jungmaier...
Wie fühlt es sich an, Debütautorin zu sein?
© Manfred Poor / Pia Jakober Evelyn Bubich und Luka Leben haben beide gerade ihre Debütromane veröffentlicht. Wie fühlt sich diese Erfahrung für sie an? Was läuft vielleicht anders als gedacht? Welche Wünsche und Hoffnungen hegen sie? Und welche Zweifel quälen sie vielleicht?
Evelyn Bubich über ihr Debüt All These Pretty Girls:
Die Idee zum Buch entstand schon vor einigen Jahren. Schon damals lag ihr die Traumabewältigung einer weiblichen Figur zugrunde. Damals war aber noch nicht klar, wo dieses Trauma seinen Ursprung hat. Der Text bzw. die Arbeit am Text hat sich dann sukzessive weiterentwickelt, mehrere Erzählstränge und Erzählebenen sowie Figuren und Figurenkonstellationen haben sich herausgebildet, bis deutlich wurde, dass psychische, körperliche und sexuelle Gewalt gegen Frauen* im Zentrum stehen wird – im Zentrum stehen muss.
Als ich das noch unfertige Manuskript vor nicht allzu langer Zeit in einer frühen Rohfassung an meine Verlegerin geschickt habe, war mir nicht bewusst, dass der Text in nur wenigen Monaten stehen müsste. Hier geht mein ganzer Dank an meine Verlegerin, die mich immer sehr bestärkt hat und zu 100 Prozent hinter mir, dem Text und dem Thema stand.
Glücklicherweise war ich so nämlich auch „gezwungen“, hier mit dem Schreiben zu einem Ende zu kommen. Zu einem Ende, das es eigentlich gar nicht geben kann, weil auch die patriarchale Gewalt leider kein Ende findet.
Die Veröffentlichung dieses Textes ist für mich deshalb so wichtig, weil es mein Versuch ist, gegen diese Gewalt anzuschreiben. Die Literatur hat die Aufgabe, den Finger mit den Mitteln der Sprache dorthin zu legen, wo es wehtut, dorthin zu zeigen, wo es gesellschaftliche Missstände gibt, dorthin, wo Ungerechtigkeit und Missbrauch stattfinden.
Durch das Sprechen über Gewalt, wird sie benennbarer, konkreter, die Spuren, die sie hinterlässt, sichtbarer; und Leser:innen werden damit konfrontiert, dem Unaussprechlichen eine Form, eine Sprache zu geben – und der Gewalt damit etwas entgegenzusetzen.
Ich möchte mit diesem Buch für alle Frauen* und Mädchen*, die Opfer von Gewalt wurden und denen mann ihre Stimmen genommen hat, ein Bewusstsein schaffen. Für ihre Stimmen, ihre Sprache, ihre Körper, ihre Namen – ihre Existenz.
Es ist kein „einfaches“ Buch, auch weil es versucht, die Zerrissenheit auf sprachlicher Ebene wiederzugeben – ich wünsche mir sehr, dass sich Leser:innen auf diese unkonventionelle Erzählweise einlassen (wollen).
Auch wenn mein Roman auf wahre Begebenheiten Bezug nimmt, ist darin alles frei erfunden. Aber: Es hätte genau so geschehen können – alle 3 Minuten wird eine Frau Opfer von Gewalt durch ihren (Ex-)Partner. Psychisch, körperlich, sexuell. Die Übergänge sind fließend, das Trauma transgenerational; für all dies versucht das Buch eine Sprache zu finden.
Luka Leben über ihr Debüt Nachts nur das Rauschen:
Für mich war Schreiben lange Zeit vergleichbar mit Spielen – etwas sehr ernstnehmen, was nicht sein müsste, Regeln folgen, die im echten Leben nicht gelten, in eine andere Haut schlüpfen. Wer schon einmal ernsthaft gespielt hat, weiß, dass das anstrengend werden kann, auch frustrierend, sogar gefährlich, aber die Verlockung des Spiels bleibt: Sich freizuspielen, im Spiel eine Zuflucht zu finden.
Mit dem Förderungspreis 2024 ist das Schreiben für mich aber zu etwas geworden, das ins echte Leben hineinwirkt und davon nicht mehr zu trennen ist. Auch wenn ich immer sicher war, diesen Roman schreiben zu wollen – so manches ist ihm zum Opfer gefallen.
In den letzten Jahren habe ich als Mutter eines Kindes mit ultra-seltenem genetischem Syndrom mühsam gelernt, wenige Ansprüche an die Zukunft zu stellen, was es mir erleichtert, ein Leben jenseits der Erwartbarkeit zu führen. Jetzt merke ich, dass sich wieder Erwartungen einschleichen: Ich wünsche mir für meinen Roman, dass er im Literaturbetrieb ernstgenommen wird, aber auch, dass ihn jemand so liest, wie ich ihn gelesen hätte – und die Lektüre etwas verändert.
Die Veröffentlichung ist eine große Chance, die ich nicht nur für mich wahrnehme. Das Vertrauen anderer Menschen, ihr Einsatz, ihre Geschichten und vielleicht auch manche konkrete Hoffnung liegen mit in der Waagschale.
Wenn ich mir früher vorgestellt habe, einen Roman zu veröffentlichen, dann ging es nur um einen Text – und mich. Jetzt gibt es dieses unabhängige Ich gar nicht mehr. Auf alltäglicher Ebene bedeutet ein Schritt in die Öffentlichkeit – Medientermine, abendliche Lesungen – jemanden haben zu müssen, der meine Abwesenheit ermöglicht. Und manchmal muss ich mich bewusst erinnern, dass die Autonomie, die ich persönlich vermisse – oder auch die „Kunstfreiheit“ – viele Menschen ausschlösse, die mein Antrieb waren, Nachts nur das Rauschen zu schreiben.
Bisher hat jede Arbeit damit gelockt, dass ich in eine andere Rolle schlüpfen konnte. Wenn ich jetzt aufbreche, um meinen Roman vorzustellen und über Themen zu sprechen, mit denen ich noch längst nicht fertig bin, Themen, die tief in unserer Kultur und Gesellschaft wurzeln aber auch meine intimen Lebensbereiche berühren, dann wird jede professionelle Haut, die ich mir überziehe, durchscheinend.
Und tatsächlich wünscht man sich ja genau das für ein Debüt: Sichtbarkeit.
Im Alltag aber bin ich Mitglied im Verein Unsichtbar. Der Name hat in mir dieselben magischen Assoziationen geweckt, wie bei einem Kind mit unsichtbarer Behinderung, das in Vorbereitung auf den Tag seltener Erkrankungen eine verspiegelte Merch-Brille vom Messestand aufsetzte, und begeistert fragte: „Siehst du mich jetzt nicht mehr?“
Der Ausdruck “Debüt” klingt für mich nach Schlaglicht, Etikette und Robe – alles Dinge, die Spaß machen können, wenn man spielend auf der Bühne steht.Aber solange Menschen wie jenes Kind oder auch dessen Eltern sich regelmäßig wünschen, unsichtbar zu werden, weil sie sich davon mehr Sicherheit und Freiheit in öffentlichen Räumen versprechen, nehme ich jede Bühne für meinen Roman ziemlich ernst.
Erstaunlicherweise kann ich nach den ersten Wochen auch berichten – mit meinem Roman aufzutreten, fühlt sich auch ein bisschen wie Heimkommen an.